Bernar Venet -1961-2021 - 60 Years Of Sculptures, Paintings and Performances

Bernar Venet -1961-2021 - 60 Years Of Sculptures, Paintings and Performances

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Bernar Venets Kunstbegriff kann man als eine Haltung beschreiben, die weit über das Formale und Räumliche hinausgeht. Sein Anspruch liegt in dem uneingeschränkten Willen begründet, die Welt nicht einfach anzunehmen, wie sie ist, sondern ihr eine von ihm geschaffene Perspektive zu verleihen. Es scheint, als hätte er sich nie aus seiner Sturm-und-Drang-Phase verabschiedet und als variiere er die Haltung des Goetheschen Prometheus: Bernar Venet formt keinen Menschen, sondern eine neue Welt, die ihm entspricht. Landschaften und Plätze bekommen plötzlich eine neue Dimension, die es dem Betrachter ermöglicht, den Horizont der Landschaft anders zu sehen und den Raum, in dem die Linien und Bögen aus Stahl installiert sind, energetisch aufgeladen neu zu erleben, ja zu fühlen.
In Venets Arbeiten verbinden sich Natur, Ratio und Emotionen zu einer Symbiose. Seine Skulpturen sind zumeist mehrere Tonnen schwer und ohne Maschinenkraft nicht bewegbar. Dennoch wirken sie leicht, wie zum Leben erweckte Wesen. Es stellt sich eine Faszination ein, die sich zunächst nur schwerlich konkretisieren lässt, ist sie doch erst einmal optisch und atmosphärisch bedingt. Denn durch das Spiel mit dem mathematisch und geometrisch berechneten, systematischen Aufbau der Werke einerseits und der scheinbar sich dem Zufall überlassenen Selbstgestaltung des Materials andererseits ergibt sich ein Spannungsbogen. Bernar Venets konsequente Vorgehensweise ist nur erklärbar durch seine natürliche Obsession für die künstlerische Gestaltung seines Umfelds, egal wo er sich befindet, unbeirrbar geradlinig, die Wirkung berechnend, überzeugt von der Emotionalität und von der Absicht, sein Dasein symbiotisch mit seinem Gestaltungsanspruch zu verknüpfen.
Die Ausstellung in Berlin inszeniert zusammenhängend den Werdegang des Künstlers, die verschiedenen Werkphasen und seine umfangreiche Tätigkeit als Bildhauer, Maler, Zeichner, Akteur von Performances und – letztlich immer – als Konzeptkünstler, der, wie er in dem Gespräch mit Hans Ulrich Obrist, bekennt, Außerkünstlerisches zum Vorbild hatte, zum Beispiel die Mathematik. Accident (Unfall), wie Venet seine Performance von 1996 nennt und die zur Eröffnung in Berlin wieder aufgeführt wird, ist ein wichtiges Beispiel für die Wirkungsweise seiner künstlerischen Haltung. Eigenhändig bringt er eine scheinbar zufällige Anhäufung von massiven Stäben aus Stahl, die zur Wandinstallationen aufgereiht sind, zu Fall. Die Wucht des Vorgangs zeichnet Spuren an der Wand des Ausstellungsortes, die Stäbe bleiben verstreut liegen oder auch stehen. Das Ergebnis des ‚Unfalls‘ ist deutlich sichtbar. Darüber hinaus wird Venet ein weiteres Highlight aufführen – ein neues Werk aus dem Jahr 2021 mit dem Titel Domino Effondrement (Domino Collapse). Es stellt eine Weiterentwicklung der Accidents dar und birgt drei verschiedene Zustände in sich: das Aufstellen einer Reihe von Bögen, eine Performance, bei der sie umgestoßen werden und das Ergebnis, eine sichtbare Spur der Entropie. System und Zufall sind in diesen Arbeiten in höchstem Maße verdichtet. Material, Ort und Zeit, die Spuren unseres Daseins, Gefühle von Angst und Ungewissheit bis hin zu Freude und Zuversicht stoßen hier aufeinander. Und es bleibt die optimistische Haltung des Künstlers, der die Welt nicht neu erfinden, aber den Blick darauf verändern will.

Walter Smerling